Das Geheimnis der Wismut

3.12.2018 von Oliver Gehrs Reportage

Einleitung

Zehntausende Kumpel mussten bis in die 1950er Jahre hinein teilweise unter Zwang für die Wismut AG im Erzgebirge schuften, um Uran für Atombomben und Kernkraftwerke zu fördern. Heute gilt es, Umweltschäden zu beseitigen

Von Oliver Gehrs


Schwarz-weiß-Foto von vier Bergleuten in einem Schacht
© picture-alliance/akg-images
Im Uranbergbau der Wismut arbeitende Bergmänner im März 1990 im Schacht Drosen.

Es gibt weltweit wenige Gebiete, die so mit der Uranproduktion verbunden sind wie das sächsisch-thüringische Erzgebirge, wo die Wismut AG ab 1946 Uranerz für die Atombomben und Brennelemente der UdSSR förderte. Schon die Nobelpreisträgerin Marie Curie hatte im 19. Jahrhundert für ihre Forschung Uran aus der Gegend an der tschechischen Grenze genutzt.


„Erz, Genossen, Erz um jeden Preis“ – so lautete damals die Losung, unter der Zehntausende von Kumpeln unter Tage schuften mussten, ohne dass auf Mensch und Umwelt Rücksicht genommen wurde. Diese „wilde Zeit“ der Wismut endete allerdings relativ schnell. Mitte der 1950er-Jahre wurde die DDR am Betrieb beteiligt. Die Bezahlung war von da an im Vergleich gut, es gab zudem weitere Privilegien, die für viele Bergleute in der DDR reizvoll waren. Und nachdem in den frühen Jahren sehr viele Tote durch Arbeitsunfälle zu beklagen waren, modernisierte die neue Wismut den Betrieb bis in die 1960er-Jahre hinein und brachte die Bergwerke auf damals internationale Standards.

Abraumhalden der Wismut AG im Bergbaugebiet
© Stephan Morgenstern/laif
Abraumhalden der Wismut AG im Bergbaugebiet Gera/Ronneburg im Jahr 1990.

Jahre später erkrankten jedoch viele Arbeiter an Lungenkrebs – wegen der Feinstäube und wegen der radioaktiven Strahlung.

Jahre später erkrankten jedoch viele Arbeiter an Lungenkrebs – wegen der Feinstäube und wegen der radioaktiven Strahlung. Hochgiftige Schlämme bildeten regelrechte Seen. Nach der Wende wurde die Wismut in eine bundeseigene Gesellschaft in der Verantwortung des Bundeswirtschaftsministeriums umgewandelt, die sich seit 1991 darum kümmert, die Umweltschäden zu beseitigen und die Bevölkerung vor Altlasten zu schützen.

In den Beständen der Wismut GmbH gibt es nach Einschätzung des Sächsischen Ministeriums für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) etliche Akten, die über die Beschaffenheit des Untergrundes Aufschluss geben. In einem Gespräch im Mai 2018 wiesen die sächsischen Ministeriumsvertreter die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) darauf hin. Die BGE hatte seit dem Herbst 2017 bundesweit in 64 Behörden Geo-Daten abgefragt, um die Ausschlusskriterien anwenden zu können. Im Besprechungsvermerk heißt es: „Einen Sonderfall stellen die Uran-Erkundungsdaten der Wismut dar, da hier von der Wismut Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse beansprucht werden.“ Das SMUL sieht das anders. Es hat eigens ein Rechtsgutachten erstellen lassen, das diese Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse verneint. Der Rat aus Sachsen an die BGE: „Da es sich bei der Wismut um ein Bundesunternehmen handelt, wurde angeregt, dass die BGE hierzu eine entsprechende Klärung über die zuständigen Bundesministerien herbeiführt.“

Die BGE geht bei der Standortauswahl von einer weißen Deutschlandkarte aus und braucht auch diese Daten, um die ehemaligen Uranbergbau-Gebiete sicher ausschließen zu können oder herauszufinden, ob in dem Gebiet trotz des historischen Bergbaus noch genügend große Gebiete gefunden werden können, die die Mindestanforderungen für einen Endlagerstandort erfüllen können. Deshalb soll die Frage nun tatsächlich geklärt werden.


Weitere Informationen zur Geschichte der Wismut:

MDR ZEITREISE: „Wismut“ – vom Uranbergbau und seinen Anfängen

Spiegel Online EINESTAGES: „Der blinde Fleck der DDR. Leben mit der Wismut“

Weitere Informationen zum Umgang mit der Wismut heute: Die Wismut GmbH

Bundesamt für Strahlenschutz: Wismut Uranbergarbeiter-Kohortenstudie

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