Herausforderung mal drei

22.12.2017von Oliver GeyerFAQ

Einleitung

Asse, Konrad, Morsleben: Alle drei sind Langzeitprojekte, bei denen Planung, Genehmigungen und die eigentliche Arbeit sehr viel Zeit in Anspruch nehmen – und die sich dennoch ständig am neuesten Stand von Wissenschaft und Technik und der aktuellen Diskussion orientieren müssen

Die Asse ist nicht stabil, Risse bilden sich. Wasser dringt in die Anlage ein. Wie kann sichergestellt werden, dass die Rückholungsplanungen, die Jahre vor dem Start der Rückholung erfolgen, am Ende auch der Realität im Bergwerk entsprechen?


Ein Maschinenfahrzeug bei der Arbeit
© Janosch Gruschczyk
Im Schacht Konrad müssen noch einige Arbeiten erledigt werden.

Das Wasser, das durch Risse in die Anlage eindringt, wird aufgefangen und abtransportiert. Zudem werden Hohlräume, die nicht stabil sind, mit Beton verfüllt. Diese Verfüllungen führen teilweise zu Kritik, weil sie der beschlossenen Rückholung der Fässer entgegenzustehen scheinen. Sie sind aber dringend notwendig, um die Zeitspanne zu verlängern, die zur Rückholung bleibt – und die Sicherheit der in der Asse Beschäftigten zu gewährleisten. - Die laufenden Rückholungsplanungen der Asse basieren soweit möglich auf Erkenntnissen, müssen gleichzeitig aber auch mit großen Ungewissheiten umgehen können. So kann der Zustand der Fässer in den Kammern völlig unter schiedlich sein: Sie können zum Beispiel fest in das Salz eingeschlossen oder von Feuchtigkeit zerfressen sein. Auch der Zustand der Einlagerungskammern ist nicht gewiss: Die Decken können stabil oder von Rissen durchzogen sein. Für jeden dieser Fälle müssen Möglichkeiten zur Bergung der Abfälle erarbeitet werden. Das geht aber nur bis zu einem gewissen Punkt: Neue Erkenntnisse, die beispielsweise im Rahmen der Erkundung einzelner Kammern gewonnen werden, müssen in die Planungen einfließen. Mit anderen Worten: Die Rückholplanungen sind ein stetiger Prozess, der nicht nur den Stand der Technik miteinbezieht, sondern auch den wachsenden Anteil von konkreten Erkenntnissen.


Oft wird kritisiert, dass die Planungen zu langsam seien. Wie kommt das?

Plastikauffangbehälter in der Schachtanlage Asse
© Janosch Gruschczyk
Tropfstelle auf der 725-Meter-Ebene der Asse: Hier und an anderen Stellen im Bergwerk werden Zutrittswässer aufgefangen

Da in der Asse streng nach Atomrecht vorgegangen wird, dauern die Arbeiten länger als in einem kommerziellen Betrieb. Oft wird als Beispiel angeführt, dass ein Bergbauunternehmen normalerweise nur zwei Jahre für den Neubau eines Schachtes benötigt, für den neuen Bergeschacht aber möglicherweise sieben Jahre gebraucht werden. Das hat neben Auflagen auch damit zu tun, dass die schwierige geologische Situation vielleicht einen schnelleren Schachtbau nicht erlaubt.


Die Entsorgungskommission hat 2013 bescheinigt, dass die Planungsunterlagen zur Stilllegung des Endlagers Morsleben veraltet sind. Warum ist die Aktualisierung bis heute nicht abgeschlossen?

Im Gegensatz zur Asse gibt es im Endlager Morsleben keine Stabilitätsprobleme, der Zustand des Bergwerks verändert sich nur langsam. Klar ist, dass das Endlager mit Beton verfüllt werden soll. Abdichtbauwerke sollen in einzelnen Gängen zu den Kammern dafür sorgen, dass eventuell eindringendes Wasser nicht sofort mit radioaktiven Stoffen in Berührung kommen kann. Die Abdichtbauwerke sollen so lange halten, bis der weitaus größte Teil der Strahlung abgeklungen ist. In den Planungen, die 2005 bei den Aufsichtsbehörden eingereicht und 2009 öffentlich ausgelegt wurden, war auch der Worst Case berücksichtigt worden, dass nämlich Wasser aus dem Fluss Aller in das Bergwerk eindringt. 2010 stellte die Strahlenschutzkommission des Bundes fest, dass die Sicherheitskriterien aus dem Jahr 1983, nach denen die Stilllegung bisher geplant wurde, veraltet sind. Sie legte deshalb neue Richtwerte für entweichende Radioaktivität fest. Die Entsorgungskommission wiederum kam 2013 zu der Erkenntnis, dass die Planung grundsätzlich richtig sei, die Weiterentwicklung der Wissenschaft seit 2005 jedoch insbesondere in der Langzeitsicherheitsanalyse Nacharbeiten erforderlich macht. Da sich die Änderung einzelner Punkte oft auf viele Bereiche auswirkt, ist das Einarbeiten der Empfehlungen in die Planungen sehr zeitaufwendig. Wenn die Überarbeitung abgeschlossen ist, muss die Genehmigungsbehörde abschätzen, ob sich die Planungen soweit verändert haben, dass sie erneut ausgelegt werden müssen und eine neue Beteiligung der Öffentlichkeit nötig wird.

Konditionierungsanlage im Endlager Morsleben
© Janosch Gruschczyk
Konditionierungsanlage: Hier können flüssige radioaktive Abfälle für die Einlagerung im Endlager Morsleben verfestigt werden

Die Genehmigung für das Endlager Konrad ist aus dem Jahr 2002. Das Genehmigungsverfahren dauerte rund 20 Jahre. Heute würde man ein ehe maliges Bergwerk gar nicht mehr als Endlager nutzen. Wieso soll das dennoch passieren?

Tatsächlich würde man heute ein ehemaliges Bergwerk nicht mehr als Endlager nutzen. Diese Erkenntnis ist auch in die neue Suche nach einem Standort für den hochradioaktiven Abfall eingeflossen. Zudem will man den hochradioaktiven Atommüll auch nach Einlagerung für eine gewisse Zeit bergen können, schließlich ist nicht aus zuschließen, dass sich technische Verfahren entwickeln, die ihn unschädlicher oder eine bessere Lagerung möglich machen. Für die 303.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiven Abfalls, die im Endlager Konrad eingelagert werden sollen, ist dies nicht sinnvoll. Ihre Sicherheit kann auch ohne die Option der Bergbarkeit im Endlager nachgewiesen werden. Derzeit werden die Eigenschaften des geplanten Endlagers nochmals dahingehend überprüft, ob der zukünftig einzulagernde Atommüll im Untergrund sehr lange Zeit isoliert wird. Es wird ermittelt, ob das geplante Endlager den sicherheitsrelevanten Anforderungen eines aktuellen Standes von Wissenschaft und Technik genügt oder ob Anpassungen erforderlich sind.

Zwei Arbeiter stehen in einem riesigen Tunnel
© Janosch Gruschczyk
Blick auf das Nbengestein im Schacht Konrad

Warum dauert die Umrüstung des alten Bergwerks zum Endlager so lange?

Mitarbeiter und technisches Gerät im Endlager Konrad
© Janosch Gruschczyk
Bau der Kfz-Werkstatt im zukünftigen Kontrollbereich: Präzision und Schwerstarbeit gehen Hand in Hand

Bei der Planung des Umbaus vom Erzbergwerk zum Endlager Konrad wurden viele Annahmen getroffen, von denen manche während des Baus revidiert werden müssen. Immerhin handelt es sich um ein altes Erzbergwerk, das komplett um gerüstet werden muss, um es nach Atom recht zu betreiben. Vergleichen kann man das mit einem alten Fachwerkhaus, bei dem man erst nur zwei Balken sanieren will, während der Arbeit aber erkennt, dass viel mehr gemacht werden muss.


Wie kann sichergestellt werden, dass das Endlager Konrad nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik gebaut und betrieben wird?

Bereits vor 35 Jahren wurde der erste An trag für die Errichtung eines Endlagers gestellt. Man kann sich gut vorstellen, dass es damals zum Beispiel völlig andere Steuerungssysteme gab, die heute nicht mehr genutzt werden. Auch in den folgenden 20 Jahren bis zur Genehmigung haben sich Wissenschaft und Technik weiterentwickelt. Damit der Betreiber den neuen Erkenntnissen beim zeitaufwendigen Bau des Endlagers nicht ständig hinterherrennt, sondern sie für Effizienz und Sicherheit nutzen kann, ist in der Genehmigung selbst festgeschrieben, dass der Ausbau des Endlagers stets nach dem neuesten Stand der Technik erfolgen muss. Dies wird aktuell auch noch mal überprüft.


Der Autor

Oliver Geyer

Reporter Oliver Geyer, der für verschiedene Magazine und Zeitungen wie u. a. die „Zeit“ schreibt, war schon öfter unter Tage: einmal in Gorleben, ein anderes Mal in der Asse. Auch wenn sich die Bergwerke in vielem unterscheiden, von einer Sache zeigt sich Geyer jedes Mal aufs Neue angetan: „So tief unter der Erde sind die Menschen besonders bodenständig.“

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