Endlager Suhl

3.12.2018 von Oliver Geyer Reportage

Einleitung

Ein Student stiftet Unruhe: Als 2013 plötzlich die ganze Stadt Suhl in Thüringen vollplakatiert war mit der Forderung, hier das deutsche Atommüllendlager zu errichten, schlugen die Wogen der Empörung hoch

Von Oliver Geyer


2013 trauten viele Bürger im thüringischen Suhl ihren Augen nicht. Im Stadtbild tauchten plötzlich Plakate einer Initiative auf, die sich für eine Bewerbung der Stadt als Standort für das deutsche Atommüllendlager einsetzte. „Euer Müll ist unsere Chance“ stand darauf, oder auch: „Heute Müll, morgen Job“. Wer mehr Informationen wollte, und das waren nicht wenige verunsicherte Bürger, der fand sie im Netz unter www.endlagersuhl.de . Dort wurde ganz pragmatisch argumentiert: Suhl, das zu DDR-Zeiten mal eine florierende Stadt gewesen sei, leide inzwischen unter einer schwachen Wirtschaft und dem Wegzug vieler Bürger – die Stadt drohe auszubluten. In einer Bewerbung der Region als Standort für ein deutsches Atommüllendlager, so der Tenor, läge nun eine Chance: Es würden viele hundert Arbeitsplätze für gut qualifizierte Menschen geschaffen, die mit ihren Familien dann auch die Stadt neu beleben würden.

Es würden viele hundert Arbeitsplätze für gut qualifizierte Menschen geschaffen, die mit ihren Familien dann auch die Stadt neu beleben würden

Plakat der „Bürgerinitiative Endlager Suhl“: Euer Problem ist unsere Lösung!
© Christoph Hubrich
Plakat der „Bürgerinitiative Endlager Suhl“

Banner der „Bürgerinitiative Endlager Suhl“: Fass können wir!
© Christoph Hubrich
Banner der „Bürgerinitiative Endlager Suhl“

Die Initiative, die vielen Beobachtern dubios erschien, bemühte sich auch, den Anforderungen an ein Atommüllendlager entgegenzudenken: Nicht nur die zentrale Lage in Mitteldeutschland und die gute Verkehrsanbindung sprächen für Suhl, die Region eigne sich besonders wegen ihrer langen Bergbautradition. Es gäbe eine beträchtliche Zahl von vorhandenen Schächten und Stollen, die genutzt werden könnten. Auch die Bodenbeschaffenheit in den tiefen geologischen Schichten eigne sich ideal für die sichere Einlagerung.

Wie bei einem so sensiblen Thema zu erwarten, hagelte es Kritik. Aufgebrachte Bürger taten ihren Unmut in hunderten bitterbösen Kommentaren auf der Website der Initiative kund, Zeitungsartikel erschienen, für einige Zeit war das Thema Talk of the town. Der Bürgermeister von Suhl erwog gar rechtliche Schritte gegen die Initiative.


Ein paar Auszüge aus der Kommentarspalte der Internetseite www.endlagersuhl.de:

Butch Butcha sagt:

Ich empfinde es als eine BODENLOSE FRECHHEIT, in unserem schönen Thüringer Wald ein Endlager für nukleare Abfälle zu errichten!!! Ihre Aushänge vermitteln das genaue Gegenteil!!! Ich hoffe Sie scheitern mit Ihrem Vorhaben. Im Übrigen erfüllt es den Tatbestand der vorsätzlichen Täuschung, was in Deutschland strafbar ist!!!

MfG ein umweltbewusster Bürger Suhls

Mathias sagt:

Atommüllendlager!

Ich weiß nicht genau, ob ihr dieses Wort richtig versteht!

Welche Bürgerinitiative setzt sich dafür ein, den in ganz Deutschland nicht gewollten Atommüll freiwillig in das grüne Herz von Deutschland zu holen??? Als ich auf diese Internet Seite aufmerksam gemacht wurde stellten sich mir die Haare auf. Jetzt wo ich auf eurer Seite eure dumm naiven Argumente lese, muss ich mich echt fragen, ob ihr das als Scherz meint oder einfach nur die blauäugigste Bürgerinitiative Europas seid! Atommüll der Jahrtausende unter Euch liegt und immer eine Restgefahr ausstrahlt wollt ihr freiwillig?

Suhl ist und bleibt schön ! sagt:

Diese „Bürgerinitiative“ ist eine Ungeheuerlichkeit! Wieviel Hass auf eine Stadt muss man haben, um ihr so etwas an den Hals zu reden?


Er wollte die Grenzen der Kommunikation ausloten und herausfinden, was eine Idee glaubhaft macht

Bis sich herausstellte, dass Endlager Suhl gar keine echte Bürgerinitiative war: Dahinter steckte der Student Christoph Hubrich, der für seinen Abschluss im Fachbereich Visuelle Kommunikation an der Bauhaus Universität Weimar diese gewagte Aktion als eine Art Forschungsprojekt umgesetzt hatte. Er wollte, so erklärte er später, die Grenzen der Kommunikation ausloten und herausfinden, was eine Idee glaubhaft macht. Würden sich die Menschen in einer Stadt wie Suhl empfänglich dafür zeigen?


Die Frage, ob so etwas legitim ist oder unnötig mit Sorgen und Ängsten von Bürgern spielt, sei einmal ausgeklammert: Die Aktion geht auch vollkommen am Prozess zur Endlagersuche vorbei, dendas neue Standortauswahlgesetz vorschreibt. Es sieht nicht vor, dass sich Regionen oder Gemeinden proaktiv als Standorte bewerben können, schließt das aber auch nicht explizit aus. Vielmehr werden nach dem Prinzip der weißen Landkarte zunächst alle Regionen Deutschlands auf ihre geologische Eignung hin betrachtet. Und dann wird nach einem detaillierten wissenschaftlichen Kriterienkatalog und unter umfassender Beteiligung der Öffentlichkeit immer mehr eingegrenzt, an welchen Standorten eine genauere Erkundung sinnvoll ist. Bergwerksstandorte der Vergangenheit gelten übrigens als ungeeignet.


Der Autor

Oliver Geyer

Reporter Oliver Geyer, der für verschiedene Magazine und Zeitungen wie u. a. die „Zeit“ schreibt, war schon öfter unter Tage: einmal in Gorleben, ein anderes Mal in der Asse. Auch wenn sich die Bergwerke in vielem unterscheiden, von einer Sache zeigt sich Geyer jedes Mal aufs Neue angetan: „So tief unter der Erde sind die Menschen besonders bodenständig.“

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