Zu Besuch bei den Bohrmuckels

Oktober 2014von Andreas WenderothReportage

Einleitung

Ohne die harte, scheinbar unspektakuläre Arbeit unter Tage ist die Rückholung des Atommülls nicht denkbar. Ein Porträt über diejenigen, die wenig über ihren Job sprechen, aber viel für die Zukunft aller tun.

Autor: Andreas Wenderoth, Fotos: Tobias Kruse


Die Reportage „Zu Besuch bei den Bohrmuckels“ erschien zuerst in der Asse Einblicke Nr. 26, die im Oktober 2014 erschienen ist und vom Bundesamt für Strahlenschutz herausgegeben wurde.


Kluck ist einer von rund 100 Leuten der Frühschicht, die kurz vor sechs mit dem Förderkorb in eine Welt einfahren, in der es keine Sonne gibt und keinen Schein. In der man sich nichts vormachen kann, weil man nur sich hat und die anderen. Und die Arbeit, die getan werden muss. Weil man hier erdverbundener ist als über Tage. Und im Staub niemand glänzen kann.

Ein Wegweiser zur Schachtanlage Asse
© Tobias Kruse
Wenn andere noch schlafen: Die erste Schicht im Bergwerk beginnt morgens um sechs

Bergleute stehen vor dem Eingang des Förderkorbs
© Tobias Kruse
Mit dem Förderkorb werden die rund 100 Bergleute in 750 Meter Tiefe gebracht

Seit 2007 steht der Anlagenfahrer aus Wernigerode in 750 Metern Tiefe mit weit aufgeknöpftem Bergmannshemd am Schaltpult der Baustoffanlage BSA 1 und stellt her, was das täglich Brot und die Hoffnung der Grube ist: Sorelbeton. Über Tage lagert in drei großen Hochsilos das Basismaterial: bis zu 450 Tonnen Steinsalz und Magnesiumoxid, die pneumatisch in die Tiefe geblasen werden. In der Trockenmischanlage stellt Michael Kluck die Rezeptur ein, im Nassmischer wird dann die Lauge dazugegeben. Seit 2009 sind in der Grube bereits etwa 120.000 Kubikmeter Beton verfüllt worden – im Jahr 2022 sollen die Arbeiten im Rahmen der Notfallvorsorge beendet sein.

Kluck wischt sich den Schweiß von der Stirn. Umgeben von Maschinenlärm, staubiger, trockener Luft und der ungemütlichen Wärme einer Grube, die allmählich kleiner wird, nimmt er Proben, um Dichte, Temperatur, Fließmaß und Luftporengehalt zu prüfen. Später wird der Beton über Rohrleitungen mit der Doppelkolbenpumpe an die Stellen geleitet, wo er benötigt wird: Firstspalte, baufällige Strecken, entbehrliche Räume. Alles, was man schließen kann oder muss.


Die Unsichtbaren der Asse

Sie sind die Unsichtbaren der Asse, diejenigen, die den Betrieb am Laufen halten. Zwar stehen sie nie im Mittelpunkt, denn die großen politischen Fragen der Rückholung überlagern die scheinbar unspektakuläre Routine der Tagesarbeit, doch ohne die Sicherungsmaßnahmen jener Bergleute wäre die Zukunft der Asse bereits Vergangenheit. Ihre Arbeit ist das Kerngeschäft und das Fundament für alle künftigen Planungen: die Vorbereitung für den Tag X.

Ein Bergmann arbeitet unter Tage an einem Bohrer
© Tobias Kruse
Einer von 32 Bergleuten, die ausschließlich mit Bohrungen beschäftigt sind. Im Jahr sind es ca. 300 Aufträge

„Wir sind ja hier nicht in Tschernobyl“, wirft Münchow ein. Der Maschinenreviersteiger trägt einen Ohrring, einen stattlichen Schnauzer und einen weißen Helm, der ihn als Mann mit Aufsichtsautorität ausweist. Wenn ihn irgendein Bekannter wieder einmal fragt, wo er denn arbeite, weist er gern darauf hin, dass die Strahlenbelastung unter Tage geringer sei als die natürliche über Tage, der jeder Mensch ausgesetzt sei. „Wir sind alles keine Selbstmörder!“

„Der Bergmann braucht’s laut, warm, dreckig, dunkel. Der Strahlenschützer nur dunkel und leise.“

Hinter dem Dammjoch, auf der 700-Meter-Sohle, ist ein Hohlraum, der vergossen werden soll. 49 Meter muss das Gestein dafür durchbohrt werden. Geräuschkulisse: 65 Dezibel, wegen des kleinen Bohrkopfs vergleichsweise ruhig. Aber fast saunawarm: Der Bohrer steht auf einer Betonschicht, die vor einer Woche gegossen wurde und immer noch Restwärme hat. Arbeitstemperatur: 42 Grad – dafür haben sie eine Viertelstunde mehr Pause. Männer, die sich deutlich mehr als Bergleute denn als Strahlenschützer fühlen und sagen, dass sie froh sind, nicht nur Papier bearbeiten zu müssen. „Der Bergmann braucht’s laut, warm, dreckig, dunkel“, sagt einer. „Der Strahlenschützer nur dunkel und leise.“ Das sind die Witze, die sie hier machen. Jedenfalls in den Pausen.


Zwei Bergleute arbeiten in einem Schacht
© Tobias Kruse
Was man hier bei der Arbeit unter Tage weder sieht noch hört: die Hitze, den Maschinenlärm und die trockene und staubige Luft

Sie nennen sich „die Bohrmuckels“

32 Mann sind hier ausschließlich mit Bohrungen beschäftigt. Sie nennen sich „die Bohrmuckels“ und betrachten ihre Abteilung als den „Flaschenhals für die Sicherung der Asse“. Ohne Löcher keine Verfüllung, ohne Verfüllung kein sicheres Bergwerk, sagen sie. 300 Bohraufträge pro Jahr: 4 bis 5,7 Kilometer mit unterschiedlichen Bohrköpfen tief durchs Gestein. Injektions-, Befüll- und Großlochbohrungen für Wetter und Fluchtwege, das ist die Welt von Reviersteiger Jens Klare, der das Bohren mehr liebt als fast alles andere. Insbesondere wenn die Bohrungen auf der Auftragstafel in seinem Büro mit Orange („abgeschlossen“) gekennzeichnet sind.

Porträtfoto des Reviersteigers Jens Klare
© Tobias Kruse
Reviersteiger Jens Klare liebt das Bohren. Seine Welt sind Injektions-, Befüll- und Großlochbohrungen

Oder wenn die Bohrer etwas größer werden: zum Beispiel der riesige Planetenbohrkopf dort hinten mit seinen 1,20 Metern Durchmesser, dem Sonnenrad in der Mitte und den beiden bohrmeißelbewehrten „Planeten“, die sich darum drehen. „Das ist schon ganz ordentlich“, sagt Klare mit leuchtenden Augen.

„Richtig bergmännisch ist das, was so ’n bisschen Haare auf der Brust hat“

Bei der Radonbohrung 2 haben sie sich damit durch stolze 163 Meter gefressen. Sie setzen stets ein Gestänge mit 1,50 Metern Länge auf, dann müssen sie neu ansetzen. Sie sind schließlich keine Bohrinsel, wo man mit 30-Meter-Gestängen arbeiten kann. Bei ihnen sind die Decken niedriger. Das Spannendste, sagt Klare, ist der Anbohrvorgang: „Das ist, was so’n bisschen Haare auf der Brust hat, das ist noch richtig …“, Klare sucht nach dem Wort, das den Stolz seiner Truppe am besten ausdrückt, „… ja … bergmännisch.“


Knapp unter der Firste ansetzen, bis sich in der Vorbohrung die drei Kufen richtig ins Gestein reinziehen und verkeilen. Nicht zu schnell, nicht im falschen Gang. Der Vorschub muss stimmen, sonst könnte das meterlange Gestänge nebst tonnenschwerem Bohrkopf ins Schwingen geraten und abreißen. „Gestänge fischen“ heißt bei ihnen, was sie möglichst vermeiden wollen. „Kann mal ’n paar alte Fotos zeigen, wie es aussieht, wenn so was runterkommt.“ Oder von seinem 40. Geburtstag, als ihm die Kumpel metergroß eine „4“ und eine „O“ geschweißt und zur Begrüßung in die Werkstatt gestellt hatten.

Klare spricht auch gern über die Tellerkronen, die sie selbst herstellen. Oder über seine geliebte Korfmann-Säge, mit der sie sich 1,80 Meter tief selbst durch härtestes Gestein schneiden können. Über Lotschnüre und Stabilisatoren („Im Normalfall Krone, Stabi, Gestänge, Stabi, bei längeren Strecken entsprechend mehr Stabis“). Und herausforderndes Gestein: „Anhydrit, unterschiedliche Salzschichten, Klüfte und Risse im Gebirge, das sind so Sachen, da kann man schon ’ne Menge Erfahrungen sammeln.“ Und öfter die Bohrkrone wechseln.


Frühstückszeit

Blick in den Pausenraum der Bergleute
© Tobias Kruse
„Anbeißen“ nennen die Bergleute ihre Frühstückspause. Pünktlich um 10.30 Uhr beginnt das Stullenauspacken

Um 10.30 Uhr ist Frühstückszeit, „Anbeißen“, wie es hier heißt. Da sitzen sie an zusammengestellten Tischen vor Klares Untertagebüro, das nur von außen ein bisschen so aussieht wie ein Eisstand irgendwo am Strand. Vor ein paar Pin-ups packen sie ihre Stullentaschen aus und trinken sich mit großen Pötten Kaffee in den frühen Tag. Einer liest demonstrativ in der Zeitung, weil von Journalisten sowieso nichts zu erwarten ist. Neulich dieser junge Fernsehschnösel zum Beispiel, der auf sehr freundlich gemacht hatte, um sich dann auf 532 Metern ans Mikro zu stellen und ihren Arbeitsplatz als eine Art Hölle zu beschreiben – obwohl sie ihm doch gerade das Gegenteil gesagt hatten.

Auch in der Zeitung stehe meist nur, was schiefgegangen ist. Und nicht, dass hier unten Leute sind, die gute Arbeit machen. Dass es tief unter der Erde vorwärtsgeht und dass Menschen etwas dafür tun. Nach vielen Wunden und Enttäuschungen haben sie für sich beschlossen, dass es besser ist, wenig über ihre Arbeit zu sprechen. Und alles abprallen zu lassen, was andere über sie reden. Man könnte sagen, sie haben dichtgemacht. So gesehen ist es wahrscheinlich kein Wunder, dass man sich hier nicht sofort willkommen fühlt. Es braucht ein bisschen Zeit (zwei Stück selbst gemachten Mohnkuchen von Grubenführerin Hegemann), bevor man sich annähert. Andererseits: Niemand macht einem etwas vor. Bergleute sind geradeaus. In ihrer Kritik. Und ihrer Sympathie.


Sie sagen, es sei komplizierter geworden. Sie würden gebremst durch atomrechtliche Bestimmungen und Auflagen. Früher hätten sie die Bohrmaschine irgendwo hingelegt und angefangen zu bohren. Heute schauen sie zunächst, ob sie eine Arbeitsfreigabe haben. Sie müssen Proben entnehmen und den Strahlenschutz informieren, und wenn sie Pech haben, kommt einer und sagt, die Schläuche liegen im Fluchtweg. „Alles so Sachen.“ Sie seien Handwerker, und die Auflagen bereiten ihnen Zusatzarbeit. In der Nähe der Einlagerungskammern würden sie es verstehen, aber sonst? Mehr Aufwand, mehr Vorschriften, weniger Spaß: „Geht viel Zeit drauf, bis wir überhaupt anfangen.“ Oder wie Klare sagt: „Wenn man über Tage einmal den Bleistift dreht, dann sind wir von der Bohrabteilung die, die richtig laufen müssen.“

Andererseits: Die Arbeit sei auch spannender geworden. Und sicherer. Sie haben jetzt eine langfristige Perspektive, Zeitverträge wurden entfristet. Bis zur Rückholung der Fässer und darüber hinaus.

Unter Tage halten sie zusammen wie eine verschworene Gemeinschaft. Aber über Tage werde viel geredet, dass sie auf der Asse faul seien. Obwohl es doch täglich Fortschritte gibt. Es ist ja nicht so, als würden sie dort unten Halma spielen. Auf die Frage, was sie eigentlich machen, antworten sie meist nur noch: „Bohren.“ Weil Erklärungen ermüden. Und selten etwas bringen. Weil es eine schwierige Materie ist für Leute, die nichts davon verstehen. Und es eigentlich auch nicht wollen.

„Dann machen wir mal weiter.“ Die Pause ist zu Ende.


Für das Porträt der Bergleute haben der Reporter Andreas Wenderoth und der Fotograf Tobias Kruse frühes Aufstehen nicht gescheut. Ansonsten schreibt der Theodor-Wolff-Preisträger Wenderoth für „GEO“ und das „SZ Magazin“; Kruse fotografiert u.a. für die „ZEIT“ und den „Spiegel“.

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