Gorleben - ein neues Kapitel

18.04.2019Stefan SchlutterReportage

Einleitung

BGE überführt rückgebautes Erkundungsbergwerk in Offenhaltungsbetrieb/Weiße Karte bei der Suche nach einem Endlager geschaffen/Mauerbollwerk wird abgerissen


„Glück auf“. Der Bergmannsgruß kommt verhalten über die Lippen. Es ist ein denkwürdiger Tag. Gut 40 Jahre lang wurde um den Standort Gorleben als atomares Endlager gerungen, war der Ort Inbegriff der verfehlten Atompolitik der Bundesregierung und Schauplatz von Protesten. Künftig soll hier ein Ort der Begegnung entstehen. „Die Mauer kommt weg“, verspricht Stefan Studt, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), am 15. April in die laufenden Kameras zahlreicher Fernsehsender und überführt das rückgebaute Erkundungsbergwerk mit einem offiziellen Akt im Beisein von zwei Staatssekretären und gut 60 geladenen Gästen in den Offenhaltungsbetrieb. Eine  einzige und leicht ausgefranste „Atomkraft-nein-Danke-Fahne“ weht wie eine Reliquie aus der Vergangenheit im Wind. Statt Konfrontation herrscht Offenheit auf allen Seiten. Dialog und Austausch bestimmen den Tag.


© BGE
Mit einem Bagger wird das Einfahrtstor zum Bergwerk Gorleben demontiert.

Und nach den Reden folgen Taten: Ein Bagger entfernt ein stählernes Rolltor als Teil der Natodraht bekronten Schutzmauer. In den nächsten Wochen wird das trennende und unversöhnliche Bollwerk bis auf ein knapp 90 Meter langes Teilstück abgerissen. Das bleibt auf Initiative des Landkreises Lüchow-Dannenberg und der Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg als Mahnmal und Ort der Begegnung gemeinsam mit dem Pförtnerhaus 1 stehen und soll künftig öffentlich zugänglich sein – sobald der „juristische Zaun“ rückversetzt ist und die Freifläche aus dem Bergrecht entlassen ist. Damit ist Gorleben wieder ein weißer Fleck auf der Landkarte im Standortauswahlverfahren für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle.


Vertreter von Politik, Medien und der BI nutzten die Gelegenheit und fuhren mit einer rauschenden Geschwindigkeit von elf Metern die Sekunde ein letztes Mal ein, um sich in 840 Meter Tiefe von dem erfolgten Rückbau beim Gang durch den Salzstollen zu überzeugen – ein symbolischer Akt, wie so vieles an diesem Tag, selbst das Wetter: Strahlender Sonnenschein. „Mit dem Mauerabriss drücken wir den Reset-Knopf bei der Suche nach einem geeigneten Ort  für ein atomares Endlager in Deutschland“, sagte Stefan Studt und fügte hinzu: „Mit dem heutigen Tag ist der Wechsel der Philosophie sichtbar. Wir haben aus Gorleben gelernt und werden das wissenschaftsbasierte Auswahlverfahren ab sofort dialogoffen sowie transparent führen und laden die Bürgerinnen und Bürger ein, sich zu beteiligen.“

© BGE
Ein letztes Mal nutzen Vertreter aus Politik und Gesellschaft die Gelegenheit, sich ein Bild von dem Erkundungsbergwerk zu machen. Künftig werden hier nur noch das Bergwerk erhaltende Arbeiten erfolgen.

Die Geschichte Gorlebens hat zu einem Umdenken der Verantwortlichen in Bezug auf die Endlagerung hochradioaktiver Abfallstoffe geführt und den Neustart der Endlagersuche nötig gemacht.. Die Fronten zwischen Gegnern und Betreiber des Projektes sind mittlerweile deutlich aufgeweicht, man spricht miteinander, ist sich vertraut. Das hob auch Wolfgang Ehmke, Sprecher der BI, positiv hervor, kritisierte aber gleichzeitig, dass das Bergwerk nicht geflutet oder verfüllt wird.


„Der heutige Tag ist ein Meilenstein in der Geschichte Gorlebens. Die festungsähnlichen Mauern waren ein Symbol für den Atomstaat. Jetzt haben wir eine ganz andere Phase. Die Endlagersuche wurde neu gestartet. Und Gorleben wird mitgeschleppt. Der Rückbau der oberirdischen Anlagenteile und der Abriss der Mauer wirken da ein wenig wie Oberflächenkosmetik. Gorleben ist und bleibt bei der Endlagersuche weiterhin gesetzt“, sagte Ehmke.


Ehmke und Studt hatten sich vergangenes Jahr am Rande des Antiatomkraft-Trecks der AG Schacht Konrad vor der BGE-Zentrale in Peine zufällig getroffen und darüber ausgetauscht, dass es doch gut wäre, in Gorleben einen Ort der Begegnung zu schaffen, um aus der Geschichte zu lernen. Das fand auch das Bundesumweltministerium (BMU) und gab Rückendeckung für erste Verhandlungen. Ein erster, ein wichtiger Schritt im angestoßenen Dialogprozess. Jochen Flasbarth, Staatssekretär des BMU, war ebenso wie Frank Doods, Staatssekretär des niedersächsischen Ministeriums für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz, nach Gorleben gekommen, und erinnerte sich:


„Genau 40 Jahre ist es her, dass ich als junger Atomkraftgegner wütend auf den Staat hier demonstrierte. Heute vertrete ich diesen Staat und bin der Überzeugung, dass wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit mit dem eingeleiteten offenen und transparenten Verfahren etwas Positives für die Zukunft  erreichen können.“ Zur Enttäuschung einiger Anwesender aus der Region stellte er auch klar: Die weiße Landkarte im laufenden Verfahren müsse eine weiße Landkarte bleiben. Das bedeutet, dass kein Standort, auch nicht Gorleben, vor Auswertung der Daten aus dem Verfahren ausgeschlossen werden könne.


© BGE
Stefan Studt, Geschäftsführer der BGE, begleitet die letzten Besucher des Bergwerks.

Sein Kollege Frank Doods sagte mit Blick in die Runde: „Gorleben hat uns alle ein bewusst gelebtes Leben lang begleitet. Mit dem neuen Geist der Offenheit bei der Endlagersuche erwächst Glaubwürdigkeit. Dazu trägt der Abriss der Mauer, die es in der Anmutung sonst nur rund um eine Justizvollzugsanstalt gibt, nachhaltig bei. Die Mauer muss weg. Das ist ein wichtiges Symbol. Die niedersächsische Landesregierung wird sich im weiteren Prozess uneingeschränkt dafür einsetzen, dass eine faire und ergebnisoffene Suche ohne Vorfestlegungen fortgeführt wird.“


Landrat Jürgen Schulz hingegen wollte sich der „Mauersymbolik“ nicht so ohne weiteres anschließen und forderte, dass der Bund die Trägerschaft des Mauerrestes als Mahnmal übernehmen solle – das sei ein Signal, dass der Bund es ernst meine mit der weißen Karte und der offenen Suche nach einem Standort. „Der Landkreis ist in den letzten 40 Jahren von der wirtschaftlichen Entwicklung abgeschnitten gewesen, weil niemand im Schatten eines atomaren Endlagers investieren wollte“, sagte Schulz und forderte Kompensation nach dem Vorbild von Wackersdorf. Die dort geplante und umstrittene Wiederaufbereitungsanlage (WAA) wurde nicht gebaut. Der bayerische Staat wandelte das Gelände stattdessen in einen Industriepark um.


Aus Sicht der BI braucht es keine Kompensationszahlungen wie beispielsweise in den Kohlerevieren. Stattdessen sollten Bund und Land etwas Vorwärtsgewandetes für die Region auf den Weg bringen. Die konkrete Forderung: eine Nachnutzung der alten Polizei-Kasernen Neu Tramm für eine Niederlassung der Ostfalia-Universität. „Reißt die Mauer in Gorleben ab und baut eine Universität im Wendland!“, so der Aufruf von Wolfgang Ehmke, der die Enttäuschung auch bei denjenigen nachvollziehen kann, die Hoffnungen in Gorleben gesetzt haben: Die Bergleute und ihre Familien, die eine tolle Arbeit geleitet haben. „Die gewonnen Erkenntnisse haben eine steile Lernkurve bewirkt. Vieles, was unsere Fachleute über Endlager wissen, haben sie bei der Erkundung in Gorleben gelernt“, sagte BGE-Geschäftsführer Stefan Studt.


Deutschlands hoch radioaktiver Atommüll soll unterirdisch eingelagert werden. Das ist beschlossene Sache und im Standortauswahlgesetz verankert. Bis 2031 will der Bund dafür einen geeigneten Standort finden – maximale Sicherheit für eine Million Jahre lautet das Ziel. Auf Basis festgeschriebener Kriterien suchen Experten entsprechende Regionen aus. Erste Ergebnisse sind für 2020 angekündigt. Das Endlager soll 2050 in Betrieb gehen und dann sukzessive befüllt werden.


© BGE
Frank-Holger Koch, Werksleiter des Bergwerks Gorleben, erläutert Staatssekretär Jochen Flasbarth den geplanten Offenhaltungsbetrieb

In Gorleben ruhen die Arbeiten unter Tage schon seit 2014. Seither wurden Maschinen und Geräte aus dem Bergwerk herausgeholt und die in den Salzstock getriebenen Stollen bis Ende des vergangenen Jahres weitestgehend abgesperrt. Von den ehedem gut 200 Mitarbeitern bleiben nur rund 20 am Standort, die den Offenhaltungsbetrieb gewährleisten. Dieser basiert auf einer Vereinbarung zwischen dem Bundesumweltministerium und der BGE und ist genehmigt durch die Bergbehörde. Der Offenhaltungsbetrieb kostet jährlich zwischen 12 und 15 Millionen Euro für den Erhalt des Bergwerks.


Knapp zwei Milliarden Euro hat der Bund über die Jahrzehnte in das Erkundungsbergwerk investiert. Übrigens: Von den ursprünglich neun geplanten Erkundungsbereichen ist nur einer fast fertiggestellt worden. Und der schlummert im Dornröschenschlaf. Davon überzeugten sich die „Grubenfahrer“ bei der allerletzten Einfahrt gut behelmt, im roten „Blaumann“ mit Stirnlampe und Selbstretter ausgestattet und liefen durch weitgehend leere Stollen, wo nur noch das nötigste an Geräten bevorratet wird, um den Verfall des Bergwerks zu verhindern. Statt der erwarteten Hitze in gut 800 Meter Tiefe fegte ein frischer Wind durch die noch begehbaren Gewölbe. Ein gutes Zeichen!


Der Autor

Stefan Schlutter

Stefan Schlutter ist ein selbstständiger Journalist und Redakteur aus Hannover, der unter anderen auch Chefredakteur des EXPO Park Journals ist.

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